Ein Leserbrief als Initialzündung

Vor 100 Jahren wurde der „BodenseeSchwimmverein Lindau (B)“ ins Leben gerufen
Vor 100 Jahren wurde der „BodenseeSchwimmverein Lindau (B)“ ins Leben gerufen

LZ - Selbstgestrickte Badehosen von der Mutter, Schwimmunterricht an der übergroßen Angel und die Militärbadeanstalt vor der Maxkaserne – wenn sich die erfolgreichen Lindauer Masterschwimmer Fritz und Oskar Ilgen sowie Heinz Zauner an ihre ersten Schwimmstunden erinnern, kommen einige witzige Anekdoten zum Vorschein. Wie viele Medaillen die drei Senioren in ihrem Leben mittlerweile erschwommen haben, können sie nicht mehr zählen. Da gab es jede Menge Rekorde und mehr als 100-mal den Titel bayerischer Meister und Vizeweltmeister bei Oskar Ilgen. Sein älterer Bruder Fritz Ilgen darf sich achtfacher Weltmeister und achtfacher Europameister nennen, genauso Heinz Zauner, ehemaliger Abteilungsleiter, der den Titel Vizeeuropameister in der Staffel innehat. Damit sind bei Weitem nicht alle Siege der drei Schwimmer erwähnt.

 

Nur eins sind sie nicht: Gründungsmitglieder des Lindauer Schwimmvereins. Das war vor ihrer Zeit. Ein Leserbrief im „Lindauer Tagblatt“ brachte im Frühsommer 1920 den Stein ins Rollen. Der Verfasser wunderte sich in seinem Schreiben, dass es in der Inselstadt Lindau noch keinen Schwimmverein gäbe. Nur wenig später, am Abend des 20. Juli 1920, fanden sich 31 Schwimmbegeisterte zusammen und gründeten den „Bodensee-Schwimmverein Lindau (B)“. Unter ihnen auch Karl Kasper, Kunstspringer und Autor des Leserbriefs.

 

Ein Jahr später waren es bereits 250 Mitglieder und Lindau richtete das „1. Internationale Bodenseeschwimmfest“ aus. Damals ein großes Ereignis in der Stadt. Mehrere Tausend Zuschauer begleiteten die über 300 Wettkämpfer – darunter die gesamte deutsche Schwimmelite – und verfolgten nach einem Festumzug am Aeschacher Ufer den Start der 1500 Meter langen Strecke von der Landtorbrücke bis zum Ziel im Lindauer Hafenbecken. Ein Wasserballturnier, ein aufwendiges Feuerwerk und ein Festabend mit Musik krönten diese Premiere. Das war der Startschuss für weitere Veranstaltungen der Lindauer Schwimmer. Regionale Meisterschaften, internationale Bodenseemeisterschaften, schwäbische und bayerische Meisterschaften und dreimalige Ausrichtung der Internationalen Deutschen Meisterschaft im Langstreckenschwimmen über 25 und 5 Kilometer sind hier unter anderem bis heute zu nennen.

 

Selbstverständlich gab es bei den Schwimmern damals wie heute auch erfolgreiche Frauen. Ruth Schleibinger ist eine von ihnen. Sie war mehrfache deutsche Meisterin und gewann 1954 und 1955 die deutsche Mannschaftsmeisterschaft. Dabei waren die Bedingungen damals in den fünfziger Jahren gar nicht besonders. Die Militärbadeanstalt war bereits Vergangenheit und das Römerbad Ort des Geschehens. Der Schwimmverein hatte sich inzwischen 1948 dem TSV 1850 e.V. als selbständige Abteilung angeschlossen. Heinz Zauner erinnert sich: „Auf der 50-Meter-Bahn im Römerbad schwamm alle Meter ein Korken und wenn Dampferwellen kamen, wurde der Wettkampf kurz unterbrochen.“

 

Aber dennoch, es fehlte das Hallenbad im Winter. Damit fiel der Lindauer Schwimmverein in die Kategorie „VoW“ – Verein ohne Winterbad. „Das nächste Hallenbad gab es in Kreuzlingen und Konstanz, da sind wir einmal die Woche, wenn möglich, im Winter hingefahren“, erinnern sich die drei Masterschwimmer.

 

Aber es ging aufwärts. Mit dem Bau des Strandbads Eichwald und dem Hallenbad in Lindau verbesserten sich die Trainingsbedingungen. Und heute, im Jubiläumsjahr, blickt der Verein wieder auf eine neue Trainingsstätte: die Therme, die aktuell gebaut wird. Leider seien die Bedingungen dort nicht so optimal wie bisher im Eichwald, erklärt der langjährige Abteilungsleiter und Vizepräsident des Bayerischen Schwimmverbands Wilfried Fuchs: „Es sind nur fünf 50-Meter-Bahnen geplant. Um zum Beispiel eine bayerische Meisterschaft auszurichten, brauchen wir aber sechs Bahnen.“

 

Um die 300 Mitglieder zählt der Verein heute. Nicht wenige sind schon in der dritten und vierten Generation dabei. Vor allem die Kinder- und Jugendarbeit liegt den Schwimmern am Herzen. Neun Trainer und fast genauso viele Helfer betreuen sechs Gruppen von Anfänger-, Aufbau-, Wettkampf- bis hin zur Mastergruppe. Dazu kommen jährliche Trainingslager und Trainerfortbildungen. Drei eigene Veranstaltungen konnte der Verein erfolgreich etablieren: die Lindauer „Seedurchquerung“, den „SW-Lindau-Cup“ und den „100x100m-Swimathon“. Nichts kann sie stoppen, selbst Corona wurde von den hartgesottenen Mitgliedern umschwommen. Da die Schwimmbäder geschlossen waren, wurde eben wieder im See trainiert. Und das bereits Anfang April. „An Ostern hatte das Wasser immerhin schon 17 Grad“, erzählt Masterschwimmer Thomas Röhl.

 

Und dennoch, das Kinder- und Jugendtraining pausierte und Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Betroffen davon ist auch die Feier zum 100-jährigen Jubiläum. Geplant war dafür ursprünglich der 18. Juli auf der Römerschanze. Aber Wilfried Fuchs hat schon einen Plan B: „Ganz hinten im Kopf steht der 3. Oktober. Eine Art Baustellenparty in der neuen Therme, wenn die Corona-Bedingungen es erlauben.“